Der Begriff der Nachhaltigkeit hat seit der Ölkrise 1973 und insbesondere seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro große öffentliche Wirksamkeit entfaltet. „Nachhaltigkeit“ wird seither auch als Qualitätsmerkmal und Vermarktungsinstrument für Produkte, Dienstleistungen und Investments immer präsenter. Im Immobiliensektor wurde dieser Trend aufgegriffen und es wurden zahlreiche Systeme entwickelt, die eine Beurteilung der Nachhaltigkeit von Gebäuden und teilweise auch Stadtquartieren ermöglichen.
Grundlage für die theoretische Klärung des Begriffs der Nachhaltigkeit in der vorliegenden Studie sowie der Auseinandersetzung mit bestehenden Zertifizierungssystemen und Instrumenten ist das „Integrative Konzept nachhaltiger Entwicklung“ der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF). Die konstitutiven Grundsätze und die Prinzipien der Mehrdimensionalität von Nachhaltigkeit werden von der HGF in einem „Integrativen Konzept nachhaltiger Entwicklung“ kritisch untersucht und zu einem Analysewerkzeug operationalisiert.
Nach einer kritischen Diskussion der am Markt etablierten eindimensionalen (z. B. Immobilienwertermittlungsverordnung, EnEV) sowie mehrdimensionalen Instrumente (BREEAM, LEED, DGNB, ESI, WWB) zur Beurteilung der Nachhaltigkeit wird im Folgenden eine Grundkonzeption zur Entwicklung eines alternativen Instrumentes vorgestellt. Die Analyse der bestehenden Instrumente macht deutlich, dass grundlegende Aspekte nach Auffassung der Autoren bei der Bewertung der Nachhaltigkeit von Wohnimmobilien bisher unberücksichtigt bleiben. Dies betrifft zum Einen die Einbeziehung der regulativ-institutionellen Ebene als vierte Dimension der Definition von Nachhaltigkeit, zum Zweiten die verstärkte Berücksichtigung der beteiligten Stakeholder bzw. Akteure in die Beurteilung der Nachhaltigkeit, sowie zum Dritten die Einbindung des vorgeschlagenen Beurteilungskonzeptes in alle Phasen des Stadtentwicklungsprozesses.